THE ESCAPOLOGIST

[ THE ESCAPOLOGIST | THE ART OF ESCAPING ]

In meinem Kopf existiert nur ein einziger Gedanke: Ich will frei sein. Ich will mich befreien!
Und dieses Berauschtsein an der Freiheit, am Erfolg, ist etwas Erhabenes.
(Houdini)

Ich erwische mich dabei, wie ich bereits seit Stunden gedankenverloren in jene Worte Houdinis eintauche, die in dem Vorwort von Robert Wringham’s Buch “Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung” geschrieben stehen. Es ist nicht die großartig tiefgängige Lektüre, die tatsächlich eingehend die gesellschaftlichen Misstände aufarbeitet und daher voll ist mit Gedankengängen über einen möglichen gesellschaftlichen Wandel sondern mehr ein leichtgängies Buch, das immer irgendwie ins Schwarze trifft. Denn zweifeln wird immer irgendjemand.
Was so wunderbar als Abendlektüre taugt, lässt mich seit Stunden vor meinem Laptop sitzen und den profane Worten folgen, da sie mich schlichtweg ermutigen. Mehr war es nicht: Sie gaben Energie in einer energiefressenden Umgebung.
Der in mir aufkeimende Enthusiasmus überdeckte für einen Moment lang meine Realität, die hinter einem bald wieder zusammengeklappten Laptop geduldig auf mich wartete.
Gefangen in einer im Neoliberalismus geborenen sozialen Phobie kann ich manchmal nicht das Haus verlassen und Menschen ohne Scheu begegnen. Jahrelang dauernde und wiederkehrende Einschläge zwischenmenschlichen Verhaltens gruben sich tief in mein emotionales Gedächtnis und steuern von dort aus alles, was ich bin und wie ich lebe. Ein soziale Phobie, entstanden durch gesellschaftliche Strukturen, ist nichts originär zu mir Gehörendes sondern ein fremder Teil, ein Parasit, der sich in mir festgehakt hat und von meiner Lebensenergie lebt und diese nicht mehr hergibt. Niemals.
Dass es nicht ein Teil von mir ist, war mir lange nicht bewusst, denn diese Gefühle wurden in mir geboren, lebten durch mich und wichen mir nicht mehr von der Seite. Dass sie ein Instrument unserer gesellschaftlichen Strukturen sind, die ihren wahren Geburtsort und ihre Existenz leugnen, um sich am Leben halten zu können, wird verwischt und dient allein der Idee, dass ein Versagen in unserer Gesellschaft mich zu etwas Fehlbarem macht, was mein schwaches Gemüt hervorgebrachte. Endlose Sätze über eine überbordene Emotionalität ließen mich glauben, ich sei der wahre Ursprung eines Gespalten- Seins, ein schwacher Teil dieser Gesellschaft, der es nicht versteht, im großen Fluß mitzuschwimmen und sich erfolgreich durchzuschlagen. Ich sei meiner Emotionalität im Schwachen verbunden und müsse nur lernen einzustecken, auszuteilen, nach mehr zu gieren und andere hinter mir zu lassen. Dann wäre alles gut.

Bis ich verstand, dass meine soziale Phobie ein gesunder Abwehrmechanismus auf ein krankes System ist, vergingen Jahre voller Unsicherheit, Einsamkeit und Getrennt- Sein. Ein Getrennt- sein, das mich in die soziale Isolation trieb. In dieser sozialen Isolation aber, suchte mein Verstand nach dem wahren Kern meiner Phobie, denn mir fiel es schwer, diese fremde Kritik einer Fehlbarkeit anzunehmen, die nicht meine zu sein schien. Diese Schieflage aus meiner Sicht auf mich selbst und die Meinung der anderen beschäftigte mich lange, denn diese Unvereinbarkeit erschienen mir als das Getrennt- sein, als eine dicke Schmierschicht, die wie eine Isolation gegen ein Vermischen wirkt.
Mit einer Unruhe, die mich umtrieb, Wissen in Büchern zu suchen, verbrachte ich schlaflose Nächte mit Texten über unsere Gesellschaftsstrukturen und die Zusammenhänge von Macht. Angst als Machtinstrument. Neoliberalismus und Macht. Gesellschaft und Angst.
Wie können sich Abertausende mit Angststörungen, Depressionen und Burnout umherschlagen, wenn unsere Gesellschaft gesund wäre? Wie kann jede einzelne psychische Erkrankung nur ein isoliertes Problem sein?
Das Konstrukt der strukturellen Fesseln ist hinter der Fassade mehr als unser Konsumverhalten und persönliche Unzulänglichkeiten. Es ist ein komplexes Gebilde von Machtinstrumenten, die sich in unseren Alltag, in unseren Köpfen und sozialen Beziehungen eingenistet haben und sich dort wirksam entfalten. Vor allem dann, wenn diese Abhängigkeiten im Unterbewusstein auftauchen und dessen Ignoranz und Übergehen so schmerzlich als psychische Schwierigkeiten unser Leben bestimmen.

Was ich vorher als diffuses Gefühl mit mir herumtrug, verband sich in diesen Büchern zu klaren Strukturen, die mich in sich aufsogen und fesselten. So wenig wie ich mir vorstellen konnte, dass die Fesseln unserer Gesellschaft lediglich an Konsum und Lebensweise gebunden sind und damit durch eine simple persönliche Entscheidung auflösbar wären, hatte doch der Kern des Buches etwas in mir ausgelöst. Die Verbundenheit des Autors zu Houdinis “art of escape” entwickelte sich in langen schlaflosen Nächten zu einer Fluchtroute, die meine verworenen Ketten entknoten und vielleicht sogar auflösen konnten. Zum ersten Mal spürte ich wieder Hoffnung und konnte verstehen, dass “escapology” mehr sein kann als die physische Entfesselungskunst auf einer Bühne. “The art of escape” kann als mein persönliches Werkzeug zu meiner Befreiung von angsterzeugenden Umständen heranwachsen und mir Wege eröffnen, ein anderes Leben zu führen. Ein Leben, in dem ich gesund werden und zu mir selbst finden kann und durch eine holitische Denkweise Strukturen erschaffe, die zu festen Wurzeln heranwachsen und mich halten und durch Krisen tragen können. Wo ich als Escapologist wirksam werde, hebt sich meine Entwurzelung und mein Fremdsein in dieser Welt auf und macht Psychopharmaka obsolet. Denn die Seele braucht keine Medikamente, wo eine radikale Gesundheitsrückgewinnung wirksam ist.

Was mir immer gegenwärtig war, sind die heilsamen Kräfte der Natur. Wenn ich in der Provence durch Lavendelfelder und Pinienwälder lief, war der Raum voll wunderbarer Gerüche. Der Klang der Zirkaden verwandelte die Wärme der Sonne in eine akustisch erfassbare Melodie, die in Verbindung mit dem Duft Südfrankreichs tief in meine Seele eindrang und dort eine innere Wärme erzeugte. Sie ließ die laute Welt hinter mir und mich in der Gegenwart aufatmen. Die Angst vor der Zukunft verschwand und wenn mein Herz bebte, war es die Aufregung des Lebens, die mich erfasste. Diese Aufregung, dieses Leben und diese Energie empfinde ich als heilsam und zeigen mir den Weg, den ich gehen möchte, um das Alte und die Ängste loszulassen. Unter der Sonne Südfrankreichs arbeite ich meine destruktiven Abhängigkeiten auf und entwickle einen Fluchtguide, der mir ein anderes Sein ermöglicht, um wieder am Leben so teilnehmen zu können, dass es mir nicht schwerfällt, mit anderen zu sein. Bildung, “Back to the roots”, Selbstermächtigung und Solidarität sind die geistigen Grundpfeiler, die zusammen mit der Natur Wurzeln schlagen.

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