KOPF SCHLÄGT KAPITAL

[ SCHON WIEDER GELD ]
english below

Es ist längst spät abends, draußen dunkel und die Stimmung mitten im November nicht besonders hoch. Ich quäle mich durch meine Aufgabenliste und wollte schon längst alles erledigt haben. Ich bin müde und meine Gedanken schweifen ab – sie schweifen durch den gestrigen Abend, durch Gespräche und durch Gedanken, die den Gesprächen folgten. Ich konnte nicht schlafen.

Ich weiß gar nicht so genau, warum ich nicht schlafen konnte. Vielleicht war es der Ärger über die Worte meines Gegenübers beim StartUp Event. Vielleicht waren es die leisen Zweifel, die immer an mir nagen, wenn ich eine gut durchdachte Idee in die Realität umsetzen möchte und die gestern Nahrung bekamen. Vielleicht war es auch die alte Verletzung, die immer wieder in solchen Gesprächen aufgebrochen wird. Vielleicht auch alles zusammen.

Ich frage mich, ob es einen Unterschied macht, dass ich eine Frau bin. Ob mein Geschlecht meinem Gegenüber eine Idee einpflanzt, die unsere Begegnungen beeinflusst und mir einen grundsätzlichen Nachteil einbringt. Und ich frage mich: wie würde mein Projekt laufen, wenn ich ein Mann wäre? Ich hole mir ein Glas Rosé, setze mich an meinen Schreibtisch und stöbere durch verschiedene Online Magazine. Ich will wissen, was dran ist, an dem geschlechtsgebundenen Erfolg eines Projektes.

„Frauenteams erhalten deutlich seltener große Wachstumsfinanzierungen – Die aktuelle Diskrepanz beim Wachstum zwischen Startup-Gründerinnen und -Gründern ist vor allem Ausdruck ungleicher Ressourcen: Nur 5,2 % der Frauen-Teams haben bereits eine Million Euro oder mehr erhalten – bei den Männer-Teams sind es dagegen 27,8 %. Im Investment-Prozess lässt sich ein deutlicher „gender bias“ nachweisen, der die Chancen für Gründerinnen auf eine Finanzierung einschränkt: So besteht für Frauen-Teams bei Investments durch Business Angels und Venture-Capital-Fonds eine enorme Kluft zwischen dem Wunsch nach Finanzierung und ihrer tatsächlichen Realisierung.“

Der Female Founders Monitor beschreibt so unglaublich nüchtern, was mir auf den Magen und manchmal ins Gesicht schlägt. Mein weibliches Geschlecht ist eine soziale Identität, die unabhängig von meinem tatsächlichen Wissen, meinen Fähigkeiten und meinem bisherigem Erfolg die Wege meiner Projekte festlegt. Es ist wie eine soziale Triage ohne Notwendigkeit einer Selektion, die Projekte aussiebt, nur weil sie von weiblichen GründerInnen auf den Weg gebracht wurden. Meine soziale Identität beeinflusst die mir zur Verfügung stehenden Ressourcen und verwässert eine Objektivität, die mir zusteht. Es ist ein Urteil ohne plausible Begründung.

Wenn ich im Zugang zu Ressourcen eingeschränkter bin, entstehen Unterschiede beim Wachstum eines Projektes, die allein darauf beruhen, wer ich im sozialen Leben bin. Mein Sein wird plötzlich zu einer Identitätsfrage, die über meinen privaten sozialen Bereich hinaus geht und einem Projekt ebenso eine soziale Identität aufzwingt, die es so gar nicht hätte. Ein Projekt ist nicht mehr ein Projekt. Ein Projekt ist eine soziale Interpretation, ein Blickwinkel auf den Busen des Gegenübers.

Da „Frauen … häufiger auf soziale und nachhaltige Geschäftsmodelle (setzen).„ tun sich weitere Abgründe auf. Mit der festgefahrenen sozialen Interpretation rutschen Projekte, die die wichtigen Themen unserer Zeit, ökologische Nachhaltigkeit und Social Entrepreneurship, aufgreifen, mit in den Abgrund des Gender Bias. „Gründerinnen sind, neben ihrem unternehmerischen Antrieb, stärker als Gründer durch übergeordnete Ziele motiviert: Sie binden ihre Motivation häufiger an das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit und fühlen sich mehrheitlich dem Bereich Social Entrepreneurship zugehörig. Damit etablieren Startup-Gründerinnen ihr Geschäftsmodell stärker an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.“ Das social entrepreneurship und die green economy hat ein soziales Geschlechtsproblem.

So muss ich als Frau den Griff auf die Ressourcen anders bewältigen, wenn ich gewinnen will. Die Abkehr von Venture Capital muss in den Geschäftsmodellen von Projekten einzementiert und ein hoher Kapitalbedarf durch starke belastbare Netzwerke und unkonventionelle Ideen ersetzt werden. Vielleicht ist die Zeit gekommen, Business anders zu denken und anders zu formen. Schon Günther Faltin setzte auf die Kraft von „Kopf schlägt Kapital“ und setzte mit diesem Prinzip erfolgreiche Projekte um. Suchen wir uns andere Vorbilder und andere Gesprächspartner, die verstanden haben, dass wir uns vom alten System verabschieden müssen. Denn auch die Corona Krise zeigt uns, wie schnell kapitalgebundene Wirtschaftsverbindungen Katastrophen nach sich ziehen. Nur weil es männliche alte Wege sind, dürfen wir uns nicht davon entmutigen und abbringen lassen, nach unseren Wegen und Methoden zu suchen. Prost auf die Gespräche, die noch kommen werden.

ENGLISH

It’s long late in the evening, dark outside and my mood in the middle of November is not particularly high. I torture myself through my to-do list and wanted to have everything done long ago. I’m tired and my thoughts wander – they wander through yesterday evening, through conversations and through thoughts that followed the conversations. I couldn’t sleep.

I don’t know exactly why I couldn’t sleep. Maybe it was the anger over the words of my counterpart at the StartUp Event. Maybe it was the quiet doubts that always gnaw at me when I want to turn a well-thought-out idea into reality and that got food yesterday. Perhaps it was also the old injury that is repeatedly broken up in such conversations. Maybe all together.

I wonder if it makes a difference that I am a woman. Whether my gender implants an idea into my counterpart that influences our encounters and brings me a fundamental disadvantage. And I ask myself: how would my project work if I would be a man? I get a glass of rosé, sit down at my desk and browse through various online magazines. I want to know what’s going on with the gender oriented success of a project.

“Women’s teams are significantly less likely to receive large growth financing – The current discrepancy in growth between start-up founders is above all an expression of unequal resources: Only 5.2% of women’s teams have already received one million euros or more – compared to 27.8% for men’s teams. In the investment process, a clear “gender bias” can be demonstrated, which limits the chances for female founders to obtain financing: For example, there is an enormous gap between the desire for financing and its actual realization for women’s teams when investing through business angels and venture capital funds.”

The Female Founders Monitor describes so incredibly sober what hits me on the stomach and sometimes in the face. My female gender is a social identity that determines the paths of my projects regardless of my actual knowledge, skills and previous success. It’s like a social triage without the need for selection that sieves out projects just because they were initiated by female founders. My social identity influences the available resources and blurs an objectivity. It is a judgment without plausible explanation.

When I’m more limited in access to resources, there are differences in the growth of a project that are based solely on who I’m in social life. My being suddenly becomes a question of identity that goes far away over my private social sphere and also imposes a social identity on a project that it would not have at all. A project is no longer a project. A project is a social interpretation, a view on the breast of the other person.

Since “women … more often rely on social and sustainable business models.”, further abysses are opening up. Projects that address the important issues of our time, ecological sustainability and social entrepreneurship, slip with the deadlocked social interpretation into the abyss of the gender bias. “In addition to their entrepreneurial drive, female founders are more motivated than founders by overarching goals: They more often tie their motivation to the goal of ecological sustainability and feel that they belong to the field of social entrepreneurship. In this way, female start-up founders are establishing their business model more strongly at the interface between business and society.” Social entrepreneurship and the green economy have a social gender problem.

As a woman, I have to manage the grip on resources differently if I want to win. The move away from venture capital must be cemented into the business models of projects and a high capital requirement must be replaced by strong resilient networks and unconventional ideas. Perhaps the time has come to think and shape business differently. Günther Faltin already relied on the power of “Kopf schlägt Kapital” and implemented successful projects with this principle. Let us look for other role models and other partner who have understood that we have to say goodbye to the old system. The Corona crisis also shows us how quickly capital-linked economic connections lead to disasters. Just because they are male old ways, we must not be discouraged and dissuaded from looking for our ways and methods. Cheers to the talks that are yet to come.